Tiergerechte Ziervogelhaltung - TierRettung Herford

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Kleintierhaltung
Über die Liebe zu großen Vierbeinern und gefiederten Zweibeinern oder: Der Gnadenhof Steinmeier

Frau Steinmeier haben wir kennengelernt, als sie im Tierschutz Sittiche für ihr Vogelzimmer suchte. Einige unserer Vögel durften bei ihr einziehen und dürfen nun eine tiergerechte Haltung (er-)leben.

Die andere große Leidenschaft der Tiermedizinstudentin sind Pferde. Deshalb betreibt Frau Steinmeier einen eigenen Pferdebetrieb mit Gnadenhof. Sie bietet auf ihrem Hof u.a. Seminare zur artgerechten Pferdehaltung und Pferdefütterung; artgerechten Hobbyhaltung von Sittichen & Papageien; tiergerechten Hobbyhaltung von Hühnern & Legewachteln und Seminare für Hundehalter an. Ein Blick auf die Homepage www.gnadenhof-steinmeier.de lohnt sich auf jeden Fall.

Da uns Frau Steinmeiers Vogelzimmer(-konzept) zur artgerechten Sittichhaltung sehr begeistert hat, möchten wir es gerne vorstellen:



„Unser Vogelzimmer hat eine Grundfläche von 6 mal 8 Metern bei normaler Zimmerhöhe von 2,60 Metern und wurde ursprünglich eingerichtet, um einer gemischten Gruppe australischer Sittiche ein Zuhause zu bieten. Hierfür haben wir aus 4 kleinen Zimmern durch Herausschlagen der trennenden Wände einen großen Flugraum gemacht. Später haben wir entschieden: Jeder Gefiederte, der ein neues Zuhause braucht und verträglich ist, darf ungeachtet seiner Herkunft einziehen!



Ich habe besonderen Wert auf die Einrichtung mit natürlichen Materialien wie Naturästen & Sisalseilen gelegt, damit alles "beknabberfreundlich" ist, außerdem habe ich darauf geachtet, neben vielen Klettermöglichkeiten für unsere Fußgänger auch reichlich Flugraum zu lassen. Die 7 Fenster wurden mit Strickleitern vogelsicher gemacht und bieten jetzt Aussichtsplätze nach draußen und Gelegenheit zum Sonnenbaden.

 

Ein Fenster wurde mit einem stabilen Gitter versehen, damit die Tiere bei schönem Wetter den ganzen Tag über Frischluft genießen können.



Eine teilüberdachte 8 Meter lange Außenvoliere mit Sprinkler für die Sommermonate auf der Südostseite des Hauses ist in Planung.

Ein Sitzbrett über der Tür beugt eingeklemmten Füßen und einer angenagten Zarge vor, weil die Vögel nicht auf der Türkante, sondern auf dem Brett landen. Um die Gelenke zu schonen und gleichzeitig Fußgymnastik zu bieten, wurden die Äste so befestigt, dass alles schaukelt, federt & wippt.

 

Eine großzügige Badeschale mit einem flachen Stein als Einstiegshilfe für die Kleineren sowie verschiedene Pappkartons & mehrere Spielkisten aus Holz mit Vogelsand, Stroh, Heu, Holzgranulat oder Papprollen als Spielangebot runden die Einrichtung des Zimmers ab.



Da die Tiere so motiviert werden, den Boden aufzusuchen, wird sowohl die Flugaktivität erhöht als auch die Raumausnutzung verbessert. Außerdem können wir die Tiere mit wenig Aufwand beschäftigen, indem wir Leckerbissen in den Spielkisten verstecken bzw. einbuddeln, so dass die Vögel danach scharren & graben können. Um Streit um die besten = höchsten Sitzplätze zu vermeiden, gibt es zahlreiche etwa gleich hohe Schaukeln.

Die Ernährung der Vögel halten wir so abwechslungsreich wie irgend möglich mit Wildkräutern, Obst, Gemüse und frischen Ästen zum Nagen zusätzlich zu verschiedenen Körnermischungen und Koch- & Eifutter. Zusätzlich zum stets frischen Wasser bieten wir auch Kräutertees oder Frucht- & Gemüsesäfte im Wechsel zum Trinken an.



Aktuell leben bei uns 3 Ziegensittiche, 1 Glanzsittich, einige Nymphensittiche, 2 Königssittiche, ein halbes Dutzend Wellensittiche, 1 Pennantsittich und 3 Blaustirnamazonen, bei kalter Witterung im Winter wohnen zusätzlich unsere 4 Japanwachteln statt im über den Rasen verschieblichen Außengehege auf dem Fußboden des Vogelzimmers. Zu dieser zugegebenermassen ungewöhnlichen Gruppenkonstellation kam es, da wir Tiere von verschiedenen Tierschutzvereinen bzw. "Secondhandtiere" von privat aufnehmen, um ihnen ein tiergerechtes endgültiges Zuhause zu bieten. Natürlich sind wir als Gegner der Einzelhaltung bemüht, auf längere Sicht für jedes unserer Tiere mindestens einen Partner der eigenen Art zu finden, doch leider ist das jedoch nicht immer kurzfristig möglich, gerade bei Fundvögeln oder wenn Einzeltiere vom Vorbesitzer abgegeben wurden.“



Zusätzlicher Hinweis von Frau Steinmeyer:

Wegen der Verletzungsgefahr ist es keineswegs eine gute Idee, kleine Sittiche mit großen Papageien zu vergesellschaften. Sie kann das nur machen, weil der Raum 8 mal 6 Meter mißt und ihre Pflege-Amazonen ungewöhnlich freundlich und uralt & krank sind und sich wenig bewegen.

Viele der Vögel bei Frau Steinmeyer sind als Rupfer (aufgrund nicht artgerechter Haltung/Langeweile) bei ihr aufgenommen worden und haben dann teilweise im Laufe der Zeit wieder Federn bekommen, teilweise auch nicht, oft sind auch die Federfollikel nachhaltig geschädigt, dass nichts mehr wachsen kann, selbst wenn nicht mehr gerupft wird.



Ich glaub´ es piept



Ziervögel üben auf viele Menschen einen besonderen Reiz aus. Ihr  farbenfrohes Gefieder und das fröhliche Gezwitscher bringt Abwechslung, Klang und Farbe ins Leben. Doch wie so oft bedeutet das, was für den Menschen eine Bereicherung ist,  für viele  Tiere ein lebenslanges, trostloses Dasein: Lebenslang im goldenen Käfig – nicht selten ohne Artgenossen.
Die Heimat zum Beispiel der Wellensittiche ist Australien, dort leben sie in großen Schwärmen zusammen. In einem Jahr können diese quirligen Vögel Tausende von Kilometern zurücklegen. Nur in der Brut- und Aufzuchtzeit sind sie sesshaft. Wie kann man für ein solches Tier, das fliegen, einen Partner finden, brüten und Jungtiere aufziehen will, eine artgerechte Käfiggröße festlegen? Reichen 80, 150 cm oder eine 2m-Voliere aus, um das Verhaltensrepertoire ausleben zu können? Nun mögen viele argumentieren, dass die Wellensittiche, die bei uns zum Kauf angeboten werden, ja schließlich gezüchtet wurden und in Gefangenschaft groß geworden sind. Doch auch wenn die Gefiederfarbe vom ursprünglichen grün auf blau, weiß, gelb oder sonstige Farbmischungen „veredelt“ wurde, sind die Verhaltensmuster und  Instinkte dieser Vögel noch immer dieselben, wie die ihrer wildlebenden Verwandten.

Als Kind hatte auch ich einen Wellensittich. Nachdem ich lange erfolglos wegen eines Hundes gebettelt hatte, bekam ich schließlich überraschend zu Weihnachten einen blauen jungen Wellensittich. Dazu einen hübsch anzusehenden weißen, runden Drahtkäfig mit Spiegel und Plastikvogel als Spielzeug. Wir machten wirklich alles falsch, was man nur falsch machen konnte!

Der Vogel –wir nannten ihn Kitty- war ängstlich und wenn ich mit Hand zu nah kam, flatterte er panisch hin und her oder zwickte auch mal zu. Für ein Kind mit wenig Ausdauer nicht gerade das, was es sich vorgestellt hatte. Wenn Kitty Freiflug hatte, war es anfangs sehr schwierig, sie wieder einzufangen und in ihren Käfig zu lotsen. Im Laufe der Zeit konnte man dann allerdings ruhig die Käfigtür öffnen, ohne dass der Vogel diesen verließ. Irgendwann wurde die Tür dann immer seltener geöffnet und die Ansprache meinerseits ließ auch zu wünschen übrig.

In den Sommermonaten nahmen wir Kitty dann oft mit nach draußen. Sie zwitscherte aufgeregt und wir interpretierten es als freudig. Im Nachhinein denke ich, wie frustrierend muss das für das arme Tier gewesen sein:  Andere Vögel hören, sie rufen, aber an der Gesellschaft nicht teilhaben zu dürfen.

Eines Tages geschah dann für mich etwas, dass meine Einstellung zur Ziervogelhaltung sehr prägte: Beim abendlichen Hineintragen des Käfigs ins Haus stolperte ich, fiel hin und der Käfig fiel so unglücklich auf den Boden, dass sich das Oberteil löste und Kitty plötzlich im Freien saß. Nach einer kurzen Schrecksekunde erhob sie sich und da erkannte ich die wahre Natur dieses Vogels: Kitty, die sonst nur von einer Stange zur nächsten hüpfte und aus ihrem Käfig kaum noch herauskam,  flog elegant in die Lüfte, über das Dach des Nachbarn hinweg und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Erst in diesem  Augenblick wurde mir klar, was ich dem armen Tier vorenthalten hatte. (Natürlich ist das Freilassen in die Natur keine Alternative, sondern tierschutzwidrig, da die Vögel in unseren Breitengraden kaum Überlebenschancen haben und durch die auffallende Färbung leichte Beute für unsere Greifvögel sind.) Ich habe danach nie wieder einen Vogel gekauft und in einen Käfig gesperrt. Bis heute  deprimiert mich jeder Vogel, der so „leben“ muss.

Ich denke, dass sich jeder, der sich einen Ziervogel anschaffen möchte, vorher gründlich überlegen sollte, ob er dem Tier ein halbwegs artgerechtes Leben bieten kann. Das Lesen von Fachliteratur vor dem Kauf des Vogels –natürlich der Vögel– ist zwingend notwendig, wenn man nicht zu viel falsch machen will. Jeder Tierhalter trägt die volle Verantwortung für sein Haustier, denn Tiere können sich nie selber aus ihrer misslichen Lage befreien.

Wussten Sie übrigens, dass…
· Kanarienvögel u. Wellensittiche bis 15 Jahre, Nymphensittiche bis 25 Jahre und Großpapageien sogar bis 70 Jahre alt werden können?
· ein Vogelauge das Licht der handelsüblichen Glühbirnen und Leuchtstofflampen als sehr unangenehmes Flackerlicht wahrnimmt?
· runde Vogelkäfige dem Vogel keine Orientierungsmöglichkeit geben?
· Spiegel- und Vogelattrappen besonders bei einzeln gehaltenen Hähnen zu Verhaltensstörungen führen?

Anke Gieselmann
 
© 2017 TierRettung Herford e.V.
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